Mein erstes Mal 55 km: So hart war der Mammutmarsch München für Körper und Kopf
Ich dachte, ich wäre bereit. Frisch zurück aus Nepal vom Annapurna Circuit und mit einigen Marathons in den Beinen der letzten Jahre, schien ein 55 Kilometer Marsch durch das Münchner Umland machbar. Sicher, anstrengend, aber machbar. Ein Spaziergang im Vergleich zum Himalaya, oder? Spoiler: Ich habe mich gewaltig geirrt. Der Mammutmarsch München war eine Grenzerfahrung, die mich sowohl körperlich als auch mental komplett zerlegt hat. Hier erfährst du, warum 55 km Wandern härter sein können als ein Marathon und wie ich mich von der anfänglichen Euphorie in den absoluten Kampfmodus retten musste.
Die Ausgangslage: Übermut tut selten gut
Meine Vorbereitung schien solide. Ein Testmarsch über 27,5 km am Starnberger See verlief absolut problemlos. Mit dieser Sicherheit im Rücken und meiner Erfahrung aus Nepal und diversen Lauf-Events ging ich an den Start. Die Stimmung war grandios. Sonnenschein über München, eine top Organisation und ein motiviertes 8-Personen-Team. Die ersten Meter fühlten sich leicht an, auch wenn sich zwei unserer Gruppe schnell absetzten und ihr eigenes Tempo gingen. Insgesamt waren rund 9.000 Teilnehmer auf die verschiedenen Startgruppen verteilt am Starnberger See unterwegs – eine beeindruckende Kulisse.
Mein Equipment war minimalistisch. Ein Trail-Running-Rucksack reichte mir völlig, ich hatte deutlich weniger Gepäck als viele andere. Doch wie sich herausstellen sollte, war minimalistisch in diesem Fall synonym mit „unzureichend“.
Kilometer 10 bis 20: Alles nach Plan
Die ersten 10 KM: Unser Tempo pendelte sich schnell ein. Geplant hatte ich mit ca. 4 km/h, tatsächlich waren wir mit grob 5 km/h flotter unterwegs. Der erste Verpflegungspunkt (VP) Südbad Tutzing bei Kilometer 7,8 bot belegte Brote. Das Essen war gut, aber ehrlich gesagt, braucht man hier noch nicht viel Energie. Die Stimmung war super, die Beine locker.
Die 20 KM Marke: Bei Kilometer 27 erreichten wir den VP TSV Pähl. Hier gab es Kartoffelsuppe. Mein Kritikpunkt: Die Portion war etwas klein, ein bisschen mehr Energie hätte an dieser Stelle gutgetan. Denn genau hier geschah die Wende.
Die Wende: Wetterumschwung und Ausrüstungspanne
Ab der zweiten Verpflegungsstation schlug das Wetter gnadenlos um. Der strahlende Sonnenschein wich Regen, der uns fast den gesamten Rest des Marsches begleiten sollte. Und hier rächte sich mein Stolz und meine falsche Planung bitterlich.
Ich war falsch ausgerüstet. Lediglich ein T-Shirt und eine Windjacke hatte ich dabei. Meine Denke: „Beim Laufen wird mir immer warm, das reicht.“ Falsch gedacht beim Wandern, besonders wenn Nässe dazu kommt. Es wurde immer kühler. Mein Glück war eine Mitläuferin, die mir einen Regenponcho lieh. Ohne diesen Poncho hätte ich den Lauf abbrechen müssen. Das war meine Rettung.
Kilometer 30 bis 40: Der langsame Abbau
Die 30 KM Marke: Bei Kilometer 37,5 stand der Zwischenverpflegungspunkt (ZVP) Kloster Andechs an. Der berühmte Käsekuchen lockte. Der Aufstieg den „heiligen Berg“ hoch ging noch ganz gut, und die meisten Teilnehmer hielten sich mit der Vorfreude auf den Kuchen bei Laune. Die Strecke hier war wunderschön, aber durch den Regen bereits sehr matschig.
Die 40 KM Marke: VP Löschgruppe Aschering bei Kilometer 44 bot Hot Dogs. Jetzt wurde es langsam dunkel, und ab dieser Station wurde es richtig schwierig für mich. Das war ein Gefühl, das ich so von Marathons nicht kannte. Die Kombination aus einsetzender Dunkelheit, der zunehmenden Kälte und den Kilometern in den Beinen ließ die Motivation und auch die Unterhaltung in der Gruppe drastisch sinken.
Kilometer 50 bis 55: Der Kampf im Kopf
Hier begann der wahre Mammutmarsch. Das Wetter wurde immer ungemütlicher, am Schluss mischten sich Graupel und Schnee in den starken Wind.
Die 50 KM Marke: Es wurde wirklich hart. Ein mentaler Tiefschlag war die Beschilderung: Laut meiner Sportuhr hatten wir bereits über 51 km hinter uns, als wir endlich das offizielle 50-km-Schild passierten. Ab hier war es nur noch ein einziger Kampf – gegen die Schmerzen, gegen die Kälte und eine enorme mentale Überwindung.
Die letzten 5 Kilometer haben mir wirklich alles abverlangt. Ich glaube, ich hatte noch nie solche Schmerzen und so massive Zweifel während einer sportlichen Leistung. Jeder Muskel schrie „Stopp“, der Körper wollte nicht mehr, und man zwingt sich trotzdem weiter, Schritt für Schritt.
Die finalen 55 KM: Das Ziel war endlich in Sicht, aber die letzten 5 Kilometer waren pure Qual. Alle 100 Meter musste ich mich neu überwinden, weiterzugehen. Nach 13 Stunden, 10 Minuten und 42 Sekunden war es geschafft. Meine Uhr zeigte 56,13 Kilometer und immerhin 714 Höhenmeter an.
Ein weiterer Fehler, den ich rückblickend analysiert habe: Ich habe zu viel gegessen, und vor allem nicht immer sinnvolle Sachen (Stichwort: Süßigkeiten). Das hat sich energetisch nicht ausgezahlt.
Fazit: Wandern ist kein Laufen
Was nehme ich mit vom Mammutmarsch München? Die 55 km waren, selbst mit meiner Vorbildung aus Marathons und Bergsteigen, eine immense körperliche und mentale Herausforderung. Ich habe die Belastung des reinen Gehens über diese Distanz und die Zeitdauer unterschätzt. Auch die Wichtigkeit der richtigen Kleidung für Wandergeschwindigkeiten und die Verpflegungsstrategie waren harte Lektionen.
Ob ich die 100 km jemals packen würde? Ich denke eher nicht. Das ist eine ganz andere Hausnummer. Mein Fazit für mich persönlich: Ich glaube, ich gehe lieber wieder Laufen, auf die Trails oder zu klassischen Marathonveranstaltungen. Das liegt mir eher.
Wer es dennoch wagen will: Vielleicht lieber erst mal mit den 30 km einsteigen. Der Mammutmarsch macht seinem Namen alle Ehre.





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