Umstieg auf Elektro: Was wirklich anders ist – Mein persönlicher Erfahrungsbericht (die ersten 6 Wochen)
Der Umstieg von einem langstreckentauglichen Diesel auf ein Elektroauto ist für viele eine emotionale Grundsatzentscheidung. Ich habe mich Ende Dezember dazu entschlossen, diesen Wechsel für ein Jahr lang selbst zu testen. Nicht aus blindem Enthusiasmus, sondern aus einem pragmatischen Nachhaltigkeitsgedanken heraus: Ein bestehendes Fahrzeug weiter nutzen, bevor ich blind ein neues bestelle. Doch der Startschuss fiel in der schwierigsten Zeit – mitten im bayerischen Winter. Nach sechs Wochen und rund 3.000 Kilometern ziehe ich eine erste Bilanz.
Politische Einordnung: Unabhängigkeit oder neue Fesseln?
Oft wird das E-Auto als Befreiungsschlag von Erdölimporten aus den USA, Kasachstan oder Norwegen verkauft, von denen wir zu 98 % abhängig sind. Theoretisch könnten wir beim E-Auto auf heimischen Strom setzen, der zu 50–60 % aus erneuerbaren Quellen stammt. Doch die Realität ist komplexer: Der restliche Strom kommt aus Erdgas, Kohle und Biomasse – teils heimisch, teils importiert. Zudem hat die EU durch neue Zolldeals eine massive Abnahmemenge von US-Flüssiggas (LNG) festgeschrieben, was uns kurzfristig sogar tiefer in die Abhängigkeit der USA treibt. Eine echte strategische Relevanz für die Unabhängigkeit sehe ich daher erst in einem Zeithorizont von etwa 20 Jahren.
Makro- und Mikroökonomie: Theorie vs. Lebensrealität
Zwischen theoretischen Modellrechnungen und meiner Lebensrealität klafft eine Lücke. Die Opportunitätskosten für Investitionen – sei es das Auto selbst oder ein neuer Speicher – sind gewaltig. Die Amortisationszeiten sind für viele Privatpersonen schlicht zu hoch. Eine vollständige Autarkie von Öl und Gas ist extrem teuer; die meisten Privatpersonen werden bei einer 80-Prozent-Lösung stoppen.
Mein Standpunkt: Die Gesetzgebung ist zu starr. Wir brauchen mikroökonomische Anreize für schnelle private Investitionen. Ein „ökonomischer Zwang“ oder Verbote erhöhen nur den Widerstand. Wie sollen Mieter im Altbau oder Pendler mit kleinem Budget das lösen? Der Strompreis muss nach Wegfall aller Umlagen so günstig werden, dass E-Auto und Wärmepumpe stets die günstigste Wahl sind – ganz ohne „grünes“ Pflichtbewusstsein.
Mein Setup zu Hause: PV-Überschuss und Infrastruktur-Hürden
Meine Ausgangslage ist fast ideal: Einfamilienhaus mit Carport. Ich besitze eine PV-Anlage mit ca. 1,8 MWh Überschuss, den ich aktuell für magere 8 Cent einspeise. Im Sommer wäre das die perfekte „Tankstelle“. Aktuell lade ich mühsam über öffentliche Ladestationen. Eine mobile Lösung wie der go-eCharger ist in Planung, erfordert aber neue Kabel und Erdarbeiten im Garten – eine Investition, die sich erst einmal wieder einspielen muss.
Vorbehalte und die vergiftete Diskussionskultur
Ich war Reichweiten von 1.200 km gewohnt. Besonders enttäuschend ist die Diskussionskultur: Wenn man in Foren kritische Fragen stellt, wird es schnell unsachlich. Von 30 Antworten sind meist nur zwei freundlich – der Rest ist persönlich und „unter der Gürtellinie“. E-Mobilität erfordert Einarbeitung, und das sollte man ohne Anfeindungen diskutieren können.
Verbrauchskosten: Effizienz vs. Preisrealität
Ein entscheidender Punkt in meiner Analyse ist die Effizienz. Während ein Diesel-Verbrenner bei etwa 25 % liegt, erreicht ein E-Auto stolze 80 %. Selbst wenn der Diesel effizienter wird, kann er diesen technologischen Vorsprung nie einholen. Dennoch sieht die Rechnung an der Zapfsäule bzw. Ladesäule anders aus:
- Der Diesel-Vergleich: Mein Skoda Superb 2.0 TDI wurde mit 6,5 l/100 km angegeben (real lag ich oft bei 5,5 l). Bei einem Dieselpreis von ca. 1,65 € lande ich bei 10,73 € pro 100 km. Auf 25.000 km sind das ca. 2.700 €.
- Die Elektro-Realität: Der Skoda Enyaq 85 wird offiziell mit ca. 20 kWh/100 km angegeben. Bei meinem aktuellen Tarif (0,69 €/kWh mit EnBW/ARAL) ergeben sich Kosten von 3.450 € für 25.000 km.
- Das Fazit: Erst durch steuerliche Subventionen, die THG-Quote und die 0,25 % Versteuerung (statt 1 %) rücken Diesel und Elektro wirtschaftlich zusammen. Ohne faire Preise an den öffentlichen Stationen ist das E-Auto rein vom Verbrauch her keine sinnvolle Investition.
Tankmöglichkeiten: Ohne Einarbeitung geht nichts
Die ersten Wochen haben gezeigt: Ohne sich intensiv mit dem Thema zu befassen, scheitert man. Die versprochenen 460 km Reichweite des 85 kWh Akkus sind in den kalten Wintermonaten nicht im Ansatz zu bestätigen. Das lokale Laden ist eine Geduldsprobe: Unsere Säulen im Ort bieten nur 11 kW, wovon der Skoda beim AC-Laden nur ca. 10 kW nutzen kann.
Besonders schwierig ist die Logistik:
- Schnellladen: Die nächsten DC-Stationen (max. 150 kW) sind mindestens 15 km entfernt und liegen nicht an meinen üblichen Routen (Supermarkt etc.).
- Ladezeiten: Von 20 % auf 80 % brauche ich beim DC-Laden (bei optimaler Vorkonditionierung) ca. 22–24 Minuten. Beim AC-Laden (11 kW) sind es stolze 4:15 Stunden. Aktuell lade ich oft bis 100 %, um die Zyklen zu optimieren, was mich zweimal pro Woche zur Säule zwingt.
- Die Blockier-Falle: An meiner Sportstätte gibt es eine Säule, doch nach 2 Stunden Training werden Blockiergebühren fällig. Das Laden während des Sports fällt also weg. Auch nachts ist es problematisch: Wer möchte um 1 Uhr morgens aufstehen, um das Auto umzuparken, nur um die Gebühr von 10 Cent pro Minute zu umgehen?
Erfahrungen aus den ersten 6 Wochen: Alltag oder Abenteuer?
Der Umstieg fühlt sich oft weniger nach „einfach Autofahren“ und mehr nach Management an. Das Auto bringt mich zwar von A nach B, aber ich bin gedanklich ständig am Abwägen, wo die nächste Säule steht – besonders, da ich im Umkreis oft ohne Navi fahre. Fahrten über 200 km werden ohne geladenen Akku zum Nervenkitzel. Mal eben hin und zurück ins Büro, ohne die Lademöglichkeiten vor Ort oder auf dem Weg zu prüfen, ist schlicht unmöglich.
Was mich im Alltag besonders stört:
- Das Kabel-Handling: Es ist total nervig, ständig das Ladekabel aus dem Kofferraum zu holen. Am Ende ist es schlammig, eiskalt und nass vom Schnee. Dazu sind die Kabel oft so kurz, dass man umständlich umparken muss.
- Vorkonditionierung: Die Batterie braucht ca. 45 Minuten, um auf Temperatur zu kommen. Da die meisten Lader nur 15 Minuten entfernt sind, ist die Batterie beim Anstecken zu kalt, und der Ladevorgang dauert deutlich länger als geplant.
- Preisentwicklung: Zum 01.01.2026 stieg der Preis beim Roaming (EnBW bei ESB) von 59 auf 69 Cent. Entgegen aller Versprechen, dass es günstiger wird, sehe ich hier eher eine steigende Tendenz, sobald der Staat weniger Steuern durch Kraftstoffe einnimmt.
- Winter-Performance: Wir hatten Tage mit -10 bis -15 Grad. Da ich oft früh oder spät fahre, ist es immer ein paar Grad kälter. Das Vorwärmen per App ist zwar komfortabel, aber da meine Fahrzeiten variieren, kann ich keinen festen Plan hinterlegen – und oft vergesse ich es schlichtweg.
- Fahrspaß vs. Vernunft: Die Beschleunigung und das Drehmoment machen extrem Spaß. Aber im Winter ist das wegen der Glätte schwierig, und im Sinne der Nachhaltigkeit treibt jeder Ampelstart den Verbrauch nach oben. Alles über 150 km/h saugt den Akku förmlich leer. Wo ich früher mit dem Diesel Tempomat 180 gefahren bin, muss ich mich jetzt zügeln. Die Klimaanlage lasse ich stur auf 22 Grad – Lenkrad- und Sitzheizung nutze ich kaum.
Die nackten Zahlen meiner Testphase:
- Nach 27 Tagen: 11 Ladevorgänge, 1.185 km gefahren, 351,30 kW geladen. Mittelwert: 0,64 €/kWh. Verbrauch: 29,64 kWh/100 km
- Nach 48 Tagen: 21 Ladevorgänge, 2.760 km gefahren, 716,38 kW geladen. Mittelwert: 0,58 €/kWh. Verbrauch: 25,96 kWh/100 km
Zum Vergleich: Mein Superb TDI schaffte 1.221 km mit einer Tankfüllung (5,12 l/100 km) für 103 Euro. In meinem aktuellen E-Szenario sind die Verbrauchskosten damit fast doppelt so hoch.
Fazit
Aktuell ist meine Bilanz eher negativ geprägt. Die Nachhaltigkeit (37t vs. 65t CO2) spricht für das E-Auto, aber der Alltag ist deutlich komplizierter geworden. Ich werde das Experiment ein Jahr lang durchziehen, um valide Daten über alle Jahreszeiten zu erhalten. Ich hoffe auf Besserung im Sommer.
Wie seht ihr das? Habt ihr Tipps für die Lade-Logistik oder ähnliche Erfahrungen mit der Preisentwicklung gemacht? Ich freue mich auf einen konstruktiven Austausch!




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